Freitag, 22. November 2013

Kognitive Dissonanz



oder


Der Erklärbär ist ein Problembär und muss deshalb erschossen werden

 



Zugegeben, dies ist ein etwas befremdlicher Titel. Aber es geht hier auch um ein befremdliches Symptom, welches allerdings nicht sektenspezifisch, sondern allgemein menschlich ist. Nur im Zusammenhang mit den Mechanismen, die bewusstseinskontrollierende Gruppierungen anwenden, um ihre Mitglieder am Verlassen der Gemeinschaft zu hindern, bekommt das zu schildernde Phänomen eine besondere Brisanz. Wie überhaupt ja nichts Übermenschliches stattfindet, wenn jemand in eine Sekte gerät und sich daraus nicht mehr zu befreien vermag. Er ist weder mit einem Bannfluch belegt, noch haben böse Geister, Dämonen oder gar der Teufel von ihm Besitz genommen. Gott, selbstredend,  genauso wenig.  Die Klaviatur der menschlichen Psyche umfasst viele Oktaven, und wer sie alle zu bespielen imstande ist, der kann Menschen tanzen lassen, wie er möchte. Genau das tun Sekten. Sie haben nichts Überirdisches in ihrem Repertoire, sondern nur menschliches, allzumenschliches Werkzeug.

Der Begriff „kognitive Dissonanz“  kam in den späten 50er Jahren des letzten Jahrhunderts auf, um das Verhalten der Menschen zu beschreiben,  wenn sie sich Widersprüchen ausgesetzt sehen – Widersprüchen zwischen dem, was sie glauben oder als Wahrheit akzeptieren und dem, was sie beobachten beziehungsweise erleben.  Wer mag, kann sich die Mühe machen im Netz oder in der örtlichen Bibliothek über den Begriff Nachforschungen anzustellen. Er wird feststellen, hier wird ein weites Spektrum menschlicher Verhaltensweisen sichtbar gemacht.

Für diese  kleine Abhandlung interessiert uns jener Aspekt  der kognitiven Dissonanz, der sich verkürzt folgendermaßen am besten ausdrückt:

Es kann nicht sein, was nicht sein darf. 

Wir alle haben das schon erlebt. In der Schule, wenn eine Klassenarbeit in die Hose ging, obwohl wir uns intensiv vorbereitet hatten und den Stoff wirklich zu beherrschen glaubten. Auf der Arbeit, wenn ein Geschäft platzte, obwohl wir an der Produktpräsentation wochenlang feilten und wir davon überzeugt waren, der Kunde könne gar nicht anders, als zu kaufen. Beim Flirten, wenn wir meinten,  Blicke und Gesten positiv deuten zu können, am Ende aber doch alleine nach Hause gingen. Oder wenn unser Lieblingsverein beim Fußball verlor, obwohl sie doch so viel besser als der Gegner waren.

In der Reaktion auf jede dieser Situationen wird man die kognitive Dissonanz am Werke sehen, oder besser gesagt spüren. Sie ist das unwohle, nicht selten sogar erschütternde Gefühl, etwas erlebt zu haben, das einfach nicht richtig ist. Unwillkürlich betreibt man Ursachenforschung, bei der man sich selbst (oder das verlängerte Selbst im Falle der Fußballmannschaft) als Fehlerquelle jedoch instinktiv ausschließt. An der vergeigten Klassenarbeit ist der Lehrer schuld, weil dieser den Stoff nicht richtig besprochen hat; das verlorene Geschäft schuldet sich der Halsstarrigkeit und dem Geiz der potentiellen Kunden; die persönliche Abweisung begründet sich in irgendwelchen Charakterschwächen oder (für einen persönlich) abwegigen sexuellen Orientierungen des anderen;  das Fußballspiel ging nur des Schiedsrichters, des Trainers oder des schlechten Wetters wegen verloren. 

In der Erfindung solcher „Ausreden“ ist niemand wirklich originell. Automatisch holt man sich leicht zur Verfügung stehendes Erklärungspotential, welches in den allermeisten Fällen aus Vorurteilen und, oftmals schon in der Kindheit ausgestanzten, Stereotypen besteht.

Nun wird im normalen Leben dieses Auftreten der kognitiven Dissonanz durch vielfältige soziale Kontakte und Informationsaufnahme aus unterschiedlichen Quellen  derart abgemildert, dass es meistens gelingt, den Konflikt aufzulösen, da sich Vorstellung und Wirklichkeit weit genug annähern können.  In der Schule gibt es Mitschüler, Lehrer und Eltern/Geschwister, die den eigenen Blick relativieren, im Berufsleben einen Chef und Kollegen, im Privatleben Freunde oder gute Bücher, beim Fußball Fernsehberichte, Zeitungen und Stammtischgespräche.  Dabei spielt weniger die Vielfalt der Stimmen eine Rolle, als die Vielfalt der Motivationen, die hinter diesen Meinungen stehen.

Ist aber der soziale Rahmen eingeschränkt und kommen alle Informationen aus nur einer einzigen, ideologisch motivierten Quelle, ist  der Dissonanz nur dadurch zu entgehen, in der illusorischen Vorstellung verhaftet zu bleiben und die Wirklichkeit auszublenden.  Der Fan eines Fußballvereins, der sich nur mit Gleichgesinnten umgibt und sich allein über das Vereinsblatt informiert, wird Niederlagen des Vereins immer nur im Abgleich mit diesem Umfeld einsortieren, ihre Erklärungen absorbieren und als die seinigen wahrnehmen.

Wer in der Parallelwelt einer Sekte lebt, sieht sich besonders ausgeprägten Formen der kognitiven Dissonanz ausgesetzt. Entsprechend überzeugend muss die innere Stimme sein, um die Konflikte auflösen zu können. Aus diesem Grunde arbeiten alle bewusstseinsmanipulierenden Gemeinschaften mit Indoktrination und Informationskontrolle.  Die innere Stimme  wird gezielt so konditioniert, dass sie jedesmal, wenn eine Situation auftritt, die besagte Unruhe und Verwirrung auslöst, beruhigend auf den Sektenjünger einredet und das Problem im Sinne der Sektenideologie wegerklärt.

Als mir nach meinem Ausstieg bewusst geworden war, wie perfekt dieser Mechanismus bei mir über Jahrzehnte hinweg funktioniert hatte, gab ich dieser inneren Stimme einen Namen. Ich nannte sie den Erklärbären, nach jener Figur aus der Samstag Nacht Show, gespielt von Markus Maria Profitlich.



Das war nicht als Verniedlichung gedacht, sondern durch die Ironisierung gewann ich den nötigen Abstand, um dieses Phänomen für mich und anhand meines eigenen Beispiels erklären zu können.

Mein Erklärbär – also die von mir als Autorität wahrgenommene innere Deutungsinstanz -  tauchte jedesmal auf, wenn ich mich mit einer Information konfrontiert sah, die dem mir vorgegebenen Weltbild widersprach. Er war in der Lage, jede auftauchende Dissonanz sofort zu unterdrücken, in dem er die Sektendoktrin in Form von eingetrichterten Denk- und Argumentationsmustern solange über die Wirklichkeit legte, bis diese wieder die gewünschte Form angenommen hatte und mich mit dem beruhigenden Gefühl eines in sich stimmigen Weltbildes zurückließ.   

Damit aus einer völlig normal agierenden inneren Stimme ein Erklärbär wird,  ist eine fortwährende und intensive Ernährung mit der gruppeninternen Propaganda nötig. Mein Erklärbär wurde von dem Tag an gefüttert, an dem auch meine leibliche Hülle mit Nahrung versorgt wurde. Sobald meine Mutter wieder aufstehen konnte, nahmen mich meine Eltern dreimal die Woche zu den ein- bzw.- zweistündigen Zusammenkünften im Königreichssaal (den Kirchen der Zeugen Jehovas) mit. Zudem zwei Mal im Jahr zu zweitätigen Kongressen und jedes Jahr im Sommer zu mehrtätigen Kongressen. So z.B. 1969, als eine achttägige Veranstaltung der Zeugen in Nürnberg stattfand 1. Aus dieser Zeit datieren meine ersten Kindheitserinnerungen.

Meine beiden älteren Brüder und ich (links) auf dem Kongress in Nürnberg 1969

Neben den Zusammenkünften betrachteten wir auch im Familienkreis die Bibel anhand der Schriften der Zeugen, mindestens einmal die Woche. Sobald ich lesen konnte, wurde ich dazu angehalten, auch alleine diese Schriften zu lesen und mich auf die Gemeindetreffen vorzubereiten, indem ich Artikel in der Zeitschrift „Der Wachtturm“ las und entsprechend der unter jedem Absatz angegebenen Fragen die Antworten unterstrich. 

Da es in jedem Haushalt der Zeugen ein kleines Heftchen gab, das Bibeltexte und dazugehörige Erläuterungen aus der Sektenliteratur für jeden Tag - der sogenannte Tagestext – enthielt, und meine Eltern deren regelmäßige Betrachtung für unerlässlich hielten, gab es wirklich keinen Tag, an dem mein Erklärbär sich hätte hungrig schlafen legen müssen. So dürr und hager ich war, als die Pubertät über mich herfiel, so groß, fett und vollgefressen mit Antworten war mein Erklärbär.

Wer jetzt allerdings denkt, der Erklärbär sei eine Quasselstrippe gewesen, die mir ständig in den Ohren hing, der täuscht sich. Wider Erwarten war EB, wie ich ihn fortan nennen werde, ein recht wortkarger Typ. In der Regel kam er mit einem einzigen Satz aus. Nur wenn es die Situation erforderte, ließ er sich zu längeren Erklärungen hinreißen.

EBs Standardsatz, um so ca. 90 % der womöglich auftauchenden Dissonanzen zu beseitigen lautete:
„Jehova ist der allmächtige, allwissende und gerechte Gott und Schöpfer aller Dinge, das personifizierte Gute und die personifizierte Liebe; von ihm stammt alles, was gut ist, während sich alles Schlechte einzig und allein dem Teufel und den sündigen Menschen verdankt.“

EB liebte diesen Satz und konnte ihn in vielfältigen Variationen und der jeweiligen Situation angepassten Auszügen zum Besten geben.  Er war das glasklare und reine Destillat aus aberhundert Stunden und tausenden Seiten Sektenpropaganda. Mit ihm ließen sich aufkeimende Zweifel und unangenehme Fragen mühelos herunter spülen. Vor allem bei der Bibellektüre.   

Jede Widersprüchlichkeit, die zum Beispiel das Bild betraf, das von Gott in der Bibel gezeichnet wird, wischte EB mit oben erwähnten Hinweis auf die völlig undiskutable Gutheit Gottes vom Tisch. Nicht die pathologische Unverhältnismäßigkeit seiner Strafen und seine misanthropische, beziehungsweise explizit misogyne  Gesetzgebung, seine willkürliche Bevorzugung  oder  Ablehnung von Menschen ungeachtet ihres Charakters oder ihrer Taten verankerten sich in meinem  Sinn, sondern die Schlechtigkeit der Welt unter dem Einfluss des Teufels. Gott blieb als der Schuldlose außen vor und agierte nur, um das allerschlimmste zu verhindern und um seinen großen, dem zukünftigen Heil der Menschheit dienenden Plan zu verwirklichen.

Desweiteren hat EB hat nie zugelassen,  dass ich mir über Zahlen Gedanken machte. Zum Beispiel, dass Satan in der Bibel gerade mal zehn Menschen, Gott aber dafür etliche Millionen umgebracht hatte. Jeder von Gott herbeigeführte Tod, so EB, war ein gerechter und vor allem verdienter.  Und wenn ich beim Lesen der Bibel etwas als extrem ungerecht oder unfair empfand, so wies EB  mich sofort darauf hin, ich dürfe mir doch nicht anmaßen, die Gerechtigkeit Jehovas in Frage zu stellen.  
Außerdem konnte Jehova als allmächtiger Gott,  jedweden Schaden wieder gut machen.

Schon als junger Mensch empfand ich jene Passage der Bibel, in der Lot seine beiden Töchter zur Massenvergewaltigung freigibt  (1. Mose Kap. 19) als schwer verdaulich. EB war da ganz anderer Meinung: „Lot wollte die Engel beschützen, und Jehova hätte nie zugelassen, dass den armen Mädchen etwas passiert wäre.“

Nun gibt es aber auch eine Erzählung im Buch Richter (Kap. 19) über einen Mann, der seine Frau tatsächlich einer Massenvergewaltigung preisgibt, die sie naturgemäß nicht überlebt. Man ist angewidert von dem Bericht und mir ging es jedesmal nahe, ihn zu lesen. Die sich anbahnende innere Revolte aber hatte EB schnell niedergekämpft, indem er argumentierte, ich wüsste ja gar nicht, was für eine Frau das gewesen sei, und bestimmt hatte sie einen solchen Tod verdient.

Dergleichen mit Achans Diebstahl und der sich daraus resultierenden Niederlage der Israeliten vor der Stadt Ai (Josua Kap. 7). Sechsundreißig Männer mussten sterben, weil  Achan sich an Kriegsbeute vergriffen hatte. Was hatten, so fragte ich mich beim Lesen, die kämpfenden Männer mit Achans Diebstahl zu tun? War ihr Tod nicht ungerecht?  Unverzüglich sprang EB in die Bresche  und gab mir zu Verstehen,  jene Gefallenen seien selbst vor Gott in irgendeiner Weise schuldig geworden, die den Tod verdiente.  Eine Argumentation, die er auch vorbrachte, wenn ich intensiver über jene Gesichte nachdachte, die in 2. Samuel Kapitel 24 erzählt wird.  David lässt sein Volk zählen, was Gott missfällt und er bringt als Strafe eine Pest über Israel, der 70.000 Menschen zum Opfer fallen.  Es mussten, so versicherte mir EB, 70.000 Sünder gewesen sein, die den Tod verdient hätten. Jehova würde nie, nie, nie eine unschuldige Person wegen des Fehlers eines anderen sterben lassen.

Manchmal musste EB allerdings etwas mehr tun, als nur seine Lieblingsfloskeln aufzufahren.
So hatte ich zum Beispiel nie wirklich verstanden, warum es Gott für Notwendig erachtete, seinen Sohn einen grausamen Tod sterben zu lassen, nur damit er unsere Sünden vergeben kann.  Die erste Zuflucht nahm EB immer zum Streitfragenmodell 2.  Das war für mich aber immer noch unbefriedigend, da man diese Meinungsverschiedenheit auch anderweitig, so dachte ich, hätte lösen können. Über Jahre hinweg ärgerte mich mein Nichtverstehen eines der fundamentalen Lehrpunkte in der Theologie der Zeugen. Eines Tages kam EB und meinte, er habe die Lösung gefunden. "Also: Die Menschen sind ja auf alle Ewigkeit von der Gunst Gottes abhängig. Woher will man wissen, dass Gott nicht plötzlich auf die Idee kommt, die Menschen doch zu vernichten, weil er keine Lust mehr auf sie hat, oder wie der Teufel plötzlich böse wird? Die Antwort: er hat seinen geliebten Sohn ganz grausam hinrichten lassen, damit wir für alle Zeiten die Bestätigung haben, dass er uns liebt und niemals etwas Böses tun wird.“

EB  war schon ein ausgefuchster Hund.

Das musste er auch sein, da sich im täglichen Leben ebenfalls Situationen ergaben, bei denen er zur Hilfe eilen musste. Zum Beispiel, wenn negative Artikel über Zeugen Jehovas in Zeitungen oder Zeitschriften erschienen oder kritisch über sie im Fernsehen berichtet wurde. Hier hatte EB  eine klar definierte Vorgehensweise:  Nur auf das achten, was in dem Bericht offensichtlich falsch ist. Entdeckst du nur eine kleine Unwahrheit, eine Nachlässigkeit in der Recherche, schon kannst du den ganzen Artikel als erfunden und unglaubwürdig abtun. Und irgendetwas fand EB immer.

Oftmals aber brauchte EB gar nichts zu sagen. Seine bloße Anwesenheit reichte schon aus. Man hatte sich mit der Zeit so an seine unwiderlegbare Argumentation gewöhnt, dass man das Fragen und Zweifeln aufgab. Da EB in den Tiefen des eigenen Glaubens herrschte, begnügte man sich mit einer tauben Oberflächlichkeit, die sich auf die unmittelbare Gefahr – Armageddon – und die unmittelbare Segnung - ewiges Leben im Paradies- konzentrierte. All das Kleingedruckte dazwischen war doch, so hatte EB es mir ja hunderte Male erklärt, völlig unwichtig. Was zählte, war die Tatsache, dass man der einzig wahren Religion angehörte und , strengte man sich nur entsprechend an, auf alle Ewigkeiten glücklich im Paradies leben und Pandas oder Tiger kuscheln würde.

Natürlich war EB nicht mein Freund, auch wenn ich das über Jahrzehnte hinweg dachte - immerhin waren wir zusammen aufgewachsen. Nein, EB  machte mich krank, und zwar in dem Moment, da ich anfing, nicht mehr auf ihn zu hören. Das ist nämlich etwas, was Erklärbären überhaupt nicht vertragen. Ignoriert zu werden oder gar Widerspruch zu ernten bringt sie auf die Palme, was zur Folge hat, dass sie noch schärfer und unerbittlicher argumentieren als sonst. Ohne mit der Wimper zu zucken greifen sie in die untersten Schubladen. Jene, die mit dem Label :Vorsicht! Angst! beschriftet sind und die entsprechenden Phrasen enthalten.

Nachdem ich aufgehört hatte, so zu leben, wie EB es von mir erwartete, erinnerte er mich tagtäglich an alles, was ich bezüglich der Vernichtung der bösen Menschen und des Strafgerichtes Gottes gelernt hatte. Daran, dass es unmittelbar bevor stand. Daran, dass ich es nicht überleben würde, dass ich für alle Ewigkeit vernichtet würde.

EB, der mich so lange in der Spur gehalten hatte, der immer dafür gesorgt hatte, dass ich meinen inneren Frieden wieder finden konnte, war nun ein wildes Tier, dessen einziges Ziel darin bestand, mir das Leben zur Hölle zu machen. Er wurde zum echten Problembär.

Eines Tages blieb mir nichts anderes übrig, als ihn, wie man es mit dem armen Bruno damals auch getan hat, zu erschießen.  

"Problembär" Bruno, noch unerschossen

Wie aber, mag man sich fragen, erschießt man einen Erklärbären?

Die Antwort ist ganz einfach: Mit Information. 
Jedes Wissen, gesammelt  aus unabhängigen und ideologiefreien Quellen ist eine Kugel, die dem Erklärbären das Fell durchlöchert. Mit einem Schuss ist es zwar meist nicht getan, aber oftmals reichen einige gezielte Treffer und das Vieh fällt tot um. Manche Kugeln haben besondere Durchschlagskraft. Die Bücher von Raymond Franz z.B.3 oder die Doku vom Netzwerk Sektenausstieg e.V.. Die Silberkugel für alle, die der englischen Sprache mächtig sind, ist die Seite www.jwfacts.com . Ihr sind in den letzten Jahren tausende von Erklärbären zum Opfer gefallen.

Wie ich in meinem Aufsatz "Aufhören heißt nicht Aussteigen" dargelegt habe, heißt eine Sekte zu verlassen nicht automatisch, dass man wirklich ausgestiegen ist. Ausgestiegen ist man erst dann, wenn man seinen ganz persönlichen Erklärbären erschossen hat. Ich habe, nachdem ich aufhörte wie ein Zeuge Jehovas zu leben noch drei Jahre gebraucht, bis ich endlich die Informationsflinte  zur Hand nahm und das elende Mistviech über den Haufen ballerte.

Innere Stimmen sind immer mit Vorsicht zu genießen, weil man nie sicher sein kann, wer da wirklich spricht. Der gesunde Menschenverstand aber weiß damit umzugehen und vermag das ihm Eingesäuselte stets zu hinterfragen. Tauchen aber in dieser Hinsicht plötzlich Verbotsschilder im Denken auf, sollte man schnellstens zur Waffe greifen. Irgendwo lauert dann nämlich ein Erklärbär.  


1) Dieser Kongress dauerte von Sonntag bis Sonntag, wobei jeder Tag aus einem Vormittags-, Nachmittags- und Abendprogramm bestand. Verpflegung erhielt man gegen Bezahlung auf dem Gelände. Unsere Familie (meine Eltern, meine beiden älteren Geschwister und die Mutter meines Vaters) übernachtete in einem Zelt auf einem der extra für die Besucher eingerichteten Campingplatz in der Nähe des Kongressgeländes (dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände der Nazis). Später dauerten die Kongresse dann nur noch vier, heute nur noch drei Tage. 

2) Das Streifragenmodell besagt, dass der Teufel, als er in Form einer Schlange das erste Menschenpaar verführte, das Recht Gottes über die Menschen zu herrschen in Frage gestellt hatte. Um ein für alle Mal zu klären, ob es für den Menschen besser sei von Gott beherrscht oder sich selbst überlassen zu sein, räumte er eine zeitlich unbestimmte Frist ein, in der er dem Menschen die Möglichkeit gäbe, zu zeigen, wie er ohne Gott so zurecht käme. Gleichzeitig würde die Opferung des Gottessohnes in Form eines vollkommenen Menschen ein Äquivalent zum verwirkten Leben Adams darstellen und somit Gottes Gerechtigkeit genüge tun. Zudem wäre mit dieser Hinschlachtung bewiesen, dass ein Mensch in der Lage war, Gott selbst angesichts eines qualvollen Todes treu zu bleiben. 
Hier ist nicht der Platz die Wirrniss, Unverhältnismäßigkeit und Inhumanität einer solchen Theologie auszubreiten. Das Vergnügen hebe ich mir für einen anderen Artikel auf. 

3) Raymond Franz war lange Jahre Mitglied der Führungsriege der Zeugen Jehovas und der Neffe des in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts maßgeblichen Theologen dieser Sekte. Nachdem er die Zeugen verlassen hatte, schrieb er zwei Bücher, die sich mit der Organisation und den Lehren der Zeugen Jehovas beschäftigen. Die Gelassenheit seiner Berichterstattung und das Fehlen jeglicher Bitterkeit oder wütendem Nachtretens machen seine Bücher zu einer unverzichtbaren Lektüre für jeden, der sich mit den Zeugen Jehovas und ihrere Geschichte beschäftigen möchte.

Raymond Franz - Der Gewissenskonflikt  ISBN-10: 353262074X
Raymond Franz - Auf der Suche nach der christlichen Freiheit  ISBN-10: 3000159525





Kommentare:

  1. klasse geschrieben, Sven!
    und sehr erhellend für mich.

    ja ja, "die Klaviatur der menschlichen Psyche umfasst viele Oktaven" ...

    danke!

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  2. Es ist spannend, wie Du anhand einiger Beispiele zeigt, wie subtil Dein EB agiert und wie er, für uns "nicht sektengeschädigte" obskure Logiken verargumentiert.

    Nicole

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  3. Hier können viele Informationen über Funktionsweisen und Wirkungsmechanismen von totalitären Gruppen nachgelsen werden:

    http://www.destruktive-gruppen-erkennen.com

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  4. Vielen Dank für den Hinweis. Ich werde diese Seite auch in meine Link-Liste stellen.

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  5. Eine sehr treffende und tiefgründige Betrachtung über die Wirkung kognitiver Dissonanz.

    Mittlerweile meine ich, dass der Mechanismus nicht allein sektentypisch ist. Bei "gemäßigten" Gläubigen ist er - vielleicht in abgeschwächter Form - ebenfalls vorhanden, denn auch sie müssen das Geglaubte mit dem tatsächlich Beobachtbaren oder mit wissenschaftlicher Methode Überprüfbaren überein bringen, da beide sehr oft erheblich voneinander abweichen.
    Dies tut der Gläubiger dadurch, dass er das Göttliche und seine Erscheinungen in den Bereich des Nichtnachweisbaren verschiebt, da man Gott aus seinem Wesen heraus ja mit menschlichen Erkenntnismethoden nicht umgreifen könne.
    Joseph Ratzinger schrieb, Gott sei der "für den Menschen wesentlich Unsichtbare*". Dadurch enthebt er den Glaubensgegenstand der irdischen Nachweisbarkeit, macht ihn unangreifbar, unhinterfragbar und unanzweifelbar.

    Auch dies ist m. E. die beruhigte kognitive Dissonanz, der "Erklärbär" katholischer Christen.

    *Joseph Ratzinger, "Einführung in das Christentum", Seite 43f

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